Sozialdrama „Das blaue, blaue Meer“ in Nürnberg
NÜRNBERG. Für sie gibt es Sterne nur im Märchen. Das Meer als Projektionsfläche ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte werden die beiden Menschen, die in der Verlorenheit einer Plattenbausiedlung untergehen, wohl nie zu Gesicht bekommen.
„Das blaue, blaue Meer“ nennt der landauf landab gespielte Nis-Momme Stockmann sein Sozialdrama, das jetzt im Gostner Hoftheater Nürnberg, inszeniert von Ulf Goerke, zu sehen ist. Aus
diesem von Suff und Sucht gezeichneten Sozialmilieu gibt es kein Entkommen für Motte, die Gelegenheits- und Beschaffungsprostituierte (Jennifer Sabel), und Darko, dessen Rolle die Regie auf zwei
Schauspieler (Sacha Grüb und Thomas Witte) verteilt hat.
Urwald als Zufluchtsort
Die Bühne ist mit braunen Paketklebebändern verklebt: eine Todeszelle im Wabenbau. Nur in ihren endlosen Monologen und Beschreibungen, in verfremdender Sprache wie aufgesagt vorgetragen, geben sie
die Hoffnung nicht auf, entdecken in den seltenen nüchternen Augenblicken sogar Gefühle – und etwas, das sie erstaunt als „Verliebtheit“ erkennen. Und weil das Meer, das sie nie
gesehen haben, für sie ein unerreichbares Ziel bleibt, machen sie sich den Urwald zum utopischen Zufluchtsort: Anrührend imitiert Motte die nächtlichen Geräusche, das Kreischen der Affen und die
schrillen Schreie der exotischen Vögel.
Der Klang des Dschungels wird im Playback zur begleitenden Bühnenmusik; die Ferne rückt so nah, dass sie mit den Ohren zu greifen ist. Am Schluss legen die Schauspieler riesige Lettern auf den
Bühnenboden: Nur raus hier. Dann spielen sie mit den Buchstaben Fußball. Viel Beifall für einen fantasievoll inszenierten und dabei ernüchternden Sozialrealismus. Mitten aus Deutschland.
INFO Weitere Vorstellungen: 27. und 28. Januar, 1. bis 4., 8. bis 11. sowie 15. bis 18. Februar. Karten unter Telefon 0911/261510 und www.gostner.de
Foto: red
