„Meine Frau kotzt nicht, wenn ich dabei bin“
Marcus Wiebusch von Kettcar über die Musik, das Thema Liebe und sein Leben.
Tapfer trotzen die 43-Jährigen dieses Landes dem Verfall. Sie haben schon manches Mal einen auf die Fresse bekommen, die eine oder andere Beziehung hinter sich, einige haben Kinder, manche bringen mühsam die Tage an den Abend, andere genießen das Leben. Marcus Wiebusch, 43, aus Hamburg präsentiert sich mit seiner Band Kettcar musikalisch offen, breit gefächert und bunt. Steffen Rüth hat für x-bay mit dem Kettcar-Sänger gesprochen.
Frage: Warum klingt das neue Album so viel heller als das vorherige?
Marcus Wiebusch: Wir sind mit der größtmöglichen Offenheit ans Schreiben gegangen. Unsere Devise lautete „Lasst uns alles geben“ und „Wir finden es langweilig,
uns zu wiederholen“. Jedem einzelnen Song sollte die Aufmerksamkeit zuteil werden, die er benötigt. 2009 waren wir mit einem Streicherquartett auf Tour, wir spielten in bestuhlten
Etablissements, auch daher rührt wohl diese gewisse Ruhe auf der Platte. Wir haben einfach keine Hemmschwelle mehr, nicht einmal vor leisen Tönen.
Frage: Kommt mit dem Alter und der Lebenserfahrung zwangsläufig die musikalische Gediegenheit?
Wiebusch: Wir sind nicht mehr die 20-jährigen Himmelsstürmer, das ist richtig. Und solche Kategorien wie Indierock, die interessieren uns einen Dreck. Aber Gediegenheit? Den
Begriff finde ich blöd. Ich kann nichts gediegenes daran finden, mutig zu sein und etwas anderes zu machen.
Frage: Das zentrale Thema auf „Zwischen den Runden“ ist die Liebe, nicht wahr?
Wiebusch: Dem stimme ich vorbehaltlos zu.
Frage: Das erste Lied des Albums heißt „Rettung“. Es geht darum, dass ein Mann der Frau nach einer wilden Partynacht die Kotzebröckchen aus den Haaren fischt. Schon
mal selbst erlebt, so etwas?
Wiebusch: Nein, meine Frau kotzt nicht, wenn ich dabei bin. Ich wollte in dem Stück eine Situation beschreiben, in der man heldenhaft seinen Mann steht. Das ist das normale
Leben. Wie ich ja auch singe. „Die Liebe ist nicht nur das, was man fühlt. Sondern das, was man tut“. „Rettung“ ist keines dieser fiesen, kitschigen Liebeslieder, die in
Klischees baden. Sondern das Gegenteil.
Frage: Warum ist es schwer, ein gutes Liebeslied zu schreiben?
Wiebusch: Egal, welche Kultur oder welche Epoche man auch betrachtet: Die einzigen zwei Themen, die die Menschen wirklich interessieren, sind die Freiheit – sei es die
Freiheit von Zwängen, von Armut, von Diktaturen – und die Liebe. Sich diesem großen Thema mit frischen Ideen zu nähern und sich nicht in Klischees zu erschöpfen, das versuchen wir. Und ich
denke, etwa mit diesem hellen, kleinen Sonntagmorgen-Sonnenschein-Song „Schwebend“ ist uns das schön gelungen.
Frage: Sind Liebeslieder die höchste Kunst des Textschreibens?
Wiebusch: Wenn du einen guten, nicht bis ins Letzte abgelutschten Song zu diesem Thema hinkriegst, dann hast du echt einen Berg erklommen. Auch deshalb hat das mit der neuen
Platte so lange gedauert, wir haben echt hart geackert. Wir haben viel ausprobiert, viel verworfen und sind drei Mal aufs Land gefahren, um an Songs zu arbeiten. Wir haben uns nicht geschont.
Frage: Der Protagonist in „Weil ich es niemals so oft sagen werde“ hat Schwierigkeiten, seiner Partnerin zu sagen, dass er sie liebt. Wie leicht geht dir ein
„Ich liebe dich“ von den Lippen?
Wiebusch: Leichter als dem Protagonisten, aber richtig leicht auch nicht. Wir Männer finden diese Worte so ausgelutscht und so inszeniert, dass wir sie einfach nicht sagen
wollen.
Frage: Unterhältst Du dich mit anderen Männern über solche Themen wie die Liebe?
Wiebusch: In diesem konrekten Fall ja. Den Impuls zu „Weil ich es niemals so oft sagen werde“ hat mir ein Freund gegeben, als wir beim Bier saßen.
Frage: Auch wenn sie sehr persönlich klingen, stammen die Texte also nicht unmittelbar aus deinem eigenen Leben?
Wiebusch: Nein, auf gar keinen Fall. Das haben sie noch nie. Ich führe ein behütetes Leben in einem der reichsten Industrieländer der Welt, bin verheiratet und habe zwei Kinder.
Ich fände es irrsinnig langweilig, dieses Leben in der Kunst abzubilden. Wo sollen die Dramen herkommen? Aus der Kita? Meine größten Songwriteridole Bob Dylan, Bruce Springsteen und Leonard Cohen
haben sich ihre Texte immer ausgedacht. Springsteen hat seine Arbeiterhymnen geschrieben, als er längst Multimillionär war.
Frage: Mit „Nach Süden“ und „Zurück aus Ohldorf“ handeln zwei Songs von Männern, die an Krebs erkranken. Einer überlebt, einer stirbt.
Wiebusch: „Zurück aus Ohldorf“, also das Lied, in dem es böse ausgeht, ist von Reimer (Bassist Reimer Bustorff), der fünf der zwölf Stücke geschrieben hat. Bei
„Nach Süden“ war mein Impuls der, dass es vor ungefähr zwei Jahren eine Riesenschwemmer von Artikeln zum Thema „Glück“ gab. Das hat mich genervt, bis mir ein Newsletter
von eimem Hamburger Musikclub in die Hände fiel. Auf dem stand „Glück ist kein Krebs kriegen“, und ich dachte nur: So ist es. Krebs ist für uns alle ein Thema, und dann schrieb ich
„Nach Süden“, wo es darum geht, dass der Protagonist nach anderthalb Jahren geheilt entlassen wird, nach Hause fährt und merkt, was Glück wirklich heißt. Nämlich frei zu sein und
nicht tot.
Frage: Das aktuelle Modethema „Burnout“ haben Kettcar schon vor vier Jahren auf der „Sylt“-Platte abgehandelt.
Wiebusch (grinst): Wir haben den Zeitgeist wohl vorweggenommen. Ein „Sylt“-Song wie „Würde“, in dem die Person wieder zu den Eltern zieht, weil sie nicht
mehr kann, ist unter dem Eindruck entstanden, dass die Anforderungen an die Leute unglaublich groß sind. Und dass diese Leute dann gern mal zusammenbrechen, und dass sie das nicht mit Absicht
tun.
Frage: „Schrilles buntes Hamburg“ ist euer einziges politisches Lied auf „Zwischen den Runden“. Worum geht es? Um die übliche
Gentrifizierungskritik?
Wiebusch: Um Verwertungslogik. Wir zeichnen ein relativ bitteres Bild von der unhaltbaren Situation, die hier in Hamburg herrscht. Für die kunst und für Kunstschaffende wird viel
zu wenig getan. Man vergisst, wie wichtig speziell die Musik für Hamburg war und ist. Das fängt ja bei den Beatles an.
Frage: Wie geht es eigentlich eurem eigenen Label „Grand Hotel van Cleef“, das du vor Jahren mit dem Kollegen Thees Uhlmann gegründet hast?
Wiebusch: Es wird von Jahr zu Jahr härter, finanziell zu überleben. Wir müssen gucken, wie und ob wir es schaffen können, überhaupt noch junge Künstler aufzubauen. Mit der Firma
stehen wir möglicherweise vor dramatischen Entscheidungen. Als Kettcar haben wir zum Glück die Möglichkeit, unser Auskommen mit den Konzerten zu bestreiten.
Frage: Bei aller Liebe, die sonst auf „Zwischen den Runden“ herrscht: Eure aktuelle Single „Im Club“ handelt vom Scheitern. Soll der Song eigentlich
trösten oder in den Arsch treten?
Wiebusch: Das ist eine Mischung. Egal, wie hart oder wie weich du scheiterst, ob du unglücklich verliebt bist, ob dein Plan zerfällt, du deine Arbeit verloren, dein Studium
abgebrochen hast – ganz egal. Du bist nichts Besonderes. Du bist nur ein weiterer von Milliarden Verlierern auf der Welt.
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